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Porträt: Wie Zeitunglesen einer gerateten Managerin beim Anlegen hilft

Fast wäre Henrietta Pacquement von Wells Fargo Asset Management Astrophysikerin geworden. Doch dann trieb ihre Neugier sie ins Fondsmanagement.

Porträt: Wie Zeitunglesen einer gerateten Managerin beim Anlegen hilft

Ihr Wissensdurst treibt Henrietta Pacquement seit ihrer Jugend an. Während ihres Studiums in Cambridge beschäftigte sie sich mit Astrophysik. Als Fondsmanagerin bei Wells Fargo Asset Management profitiert sie dagegen davon, dass sie mit Begeisterung Zeitung liest.

Henrietta Pacquement gehört zu den erfolgreichsten Fondsmanagerinnen für Anleihen in der Citywire-Daten­bank. Ihren Erfolg erklärt sie zum Teil mit Einflüssen aus ihrer Kindheit. Damals gab es vor allem zwei Menschen, die sie fürs Leben prägten. Da war zunächst ihr Großvater. „Mein Opa versuchte immer, genau zu verstehen, wie die Welt um ihn herum funktionierte, und hat auch mich mit diesem Virus infiziert“, sagt Pacquement. Ein anderes Mit­glied der Familie weckte dagegen ihre Neugier auf die Sterne. „Als ich elf Jahre alt war, schenkte mir mein Onkel ein Buch über Astrophysik. Ich war fasziniert von der Schönheit und Eleganz dieses Fachs. Seitdem wollte ich immer mehr über die Himmelsmechanik lernen.“

Den Großteil ihrer Kindheit verbrachte sie im westlichen Um­land von Paris. Dort wuchs sie in einer Art europäischer Modellfamilie auf: die Mutter Britin, der Vater halb Schweizer und halb Franzose. Sie besuchte die Internationale Schule im Pariser Vorort Saint-Germain-en-Laye, die im Château d’Hennemont untergebracht ist und die mit einer Ab­itur-Abschluss-Quote von meist 100 Prozent zu den erfolgreichsten Schulen Frankreichs gehört.

Später zog Pacquement weiter an die britische Universität Cambridge. Erst wenn man genauer nach­fragt, welches der rund 30 Colleges sie besuchte, aus denen die Universität besteht, antwortet sie zurückhaltend „Trinity College“ – wohl wissend um die besondere Geschichte dieser rund 450 Jahre alten Einrichtung. Nur rund 900 Studenten gibt es dort pro Jahr; zu den berühmtesten Absolventen ge­hören Persönlichkeiten wie Isaac Newton, Ludwig Wittgenstein und sechs britische Premierminister sowie 34 Nobelpreisträger – mehr als bei jedem anderen College in Cambridge oder Oxford. Um in dieser in­spirierenden Umgebung die Welt möglichst in vollem Umfang zu begreifen, studierte Pacquement Astrophysik.

Gespür für Zahlen

Fast hätte sie auch ihr Berufsleben mit dem Studium der Planeten verbracht. Doch letztlich entschied sie sich gegen die Welt der Labore und der Erforschung der theoretischen Physik und für eine Beschäftigung mit direkterer Anwendung: einen Job bei Accenture als Beraterin. Dort lernte sie verschiedene Branchen kennen und entschied sich für einen Job in der Finanzwelt, genauer gesagt im Investment-Management des französi­schen Versicherungsunternehmens Axa.

Vier Jahre arbeitete sie dort. 2005 zog es sie von dort weiter zu Barclays Global Investors, wo sie als Analystin tätig war, bevor sie 2006 bei Wells Fargo Asset Management anheuerte. Dort nutzte sie auch ihre europäische, bilinguale Erfahrung. Heute leitet sie dort das dreiköpfige Credit-Europe-Team. Ihre beiden Teammitglieder sind Alex Temple, ein Ingenieur, und der Finanzfachmann Christopher Burrows. „Wir verfolgen zwar einen fundamentalen Investment-An­satz zur Ana­lyse von Anleihen, aber zugleich fühlen wir uns alle drei mit mathematischen Modellen wohl und verstehen etwas von Zahlen“, sagt Pacquement.

Unterstützt werden sie von rund 30 Analysten. Ein Drittel davon arbeitet wie Pacquement in London. Der Rest ist ver­teilt auf zwei US-Büros von Wells Fargo in San Francisco und in der Nähe von Chicago. Dabei ist das Team sehr vielfäl­tig. So ist der Head of Research in Europa ein Australier und die Analystin für die Sektoren Chemie und Gesundheit eine Japanerin. „Für uns ist diese Vielfalt hilf­reich, um wirtschaftliche Entwicklungen mit einem feinen kulturellen Verständnis zu analysieren“, erklärt Pacquement.

Wir haben trotz der Proteste in französische Anleihen investiert.

Dieses Gespür für gesellschaftliche Themen beeinflusst auch Investment-Ent­scheidungen wie zuletzt bei der Ein­schätzung der Proteste der Gelbwesten in Frankreich. „Dass ich in einem Pariser Vorort aufgewachsen bin, hat mir sicher geholfen, die Situation differenzierter zu bewerten“, sagt Pacquement: „Da französische Staatsoberhäupter für fünf Jahre gewählt sind und Präsident Macron fest entschlossen ist, seine Reformen durchzusetzen, waren wir optimistisch, dass ihm das auch gegen Widerstände letztlich gelingen würde. Daher haben wir vergangenes Jahr trotz der Proteste in französische Anleihen investiert.“

 

Diese Zuversicht hat sich ausgezahlt. Laut einer Prognose der EU-Kommission wird die französische Wirtschaft dieses Jahr um 1,3 Prozent wachsen. Das ist mehr als lange Zeit erwartet und um 0,3 Prozentpunkte stärker als die EU-Prognose für Deutschland.

Zeitung zum Frühstück

Pacquements politischer Feinsinn ist einer von vielen Gründen, die dazu geführt haben, dass ihre Fonds so erfolgreich sind. Genauer gesagt handelt es sich um den Wells Fargo Euro Short Duration Credit und den Wells Fargo Euro Investment Grade Credit. Hinzu kam im Dezember 2019 der neu aufgelegte Global Investment Grade Credit Fonds, für den neben Pacquement auch Scott Smith verantwortlich ist, Teamleiter für Multi-Sector Fixed Income – Investment Grade in San Francisco.

In einer Phase, in der Fondsmanager mit kurzlaufenden Anleihen nur schwer gute Renditen erzielen, hat Pacquement genau dies erreicht. Das zeigt der Citywire-Sektor für europäische Euro- Anleihen mit kurzer Laufzeit: Über einen Zeitraum von drei Jahren bis Ende De­zember 2019 liegt Pacquement mit einer Wertsteigerung von 4,4 Prozent auf dem zweiten Platz hinter Thomas Lange von Lange Assets & Consulting. Der Sektor umfasst insgesamt 55 Fondsmanager.

Dabei fußt Pacquements präzise politische Einschätzung nicht nur auf ihrer internationalen Erfahrung, sie liest außerdem seit ihrer Jugend sehr gründlich Zeitung. Als Jugendliche in Paris waren das vor allem die renommierten Titel „Le Monde“ und „Courrier international“. Heute hat sie Abonnements für mehrere Medien wie die „Financial Times“ und das politische Fachmagazin „Foreign Affairs“. Zudem kauft sie regelmäßig den „Econo­mist“. Selbst ihre beiden Kinder, die sieben und acht Jahre alt sind, hat sie bereits auf den Geschmack gebracht: „Den beiden lege ich öfter die Kinderzeitung ‚The Week Junior‘ auf den Frühstückstisch, die lesen sie mit Begeisterung, und wir diskutieren die Themen zu Hause.“

Neben ihrem politisch-kulturellen Hintergrundwissen nutzt Pacquement zum Austarieren ihrer Portfolios einen fundamentalen Ansatz, unterstützt von einem Analyse-Raster, das sie als „fünf Dimensionen des Risikos“ bezeichnet. Dabei untersucht sie ihre Anleihen nach fünf Kriterien: der Länder-Verteilung, der Aufteilung nach Sektoren, der Rating- Qualität der Papiere, der durchschnitt­lichen Laufzeit sowie den Währungen, in denen die Bonds ausgegeben sind. Bei der Länder-Verteilung hatte Pacquement im vergangenen Jahr darauf gebaut, dass Spanien im Vergleich zu Italien stabilere politische und wirtschaftliche Aussichten haben würde. Daher gewichtete sie spanische Papiere mit bis zu zehn Prozent, etwa doppelt so hoch wie die Benchmark.

Zugleich reagierte sie auf die Un­sicherheiten durch Italiens Regierung um Giuseppe Conte und Innenminister Matteo Salvini und reduzierte italienische Anleihen auf ein Prozent des Portfolios. Nachdem Salvini die Regierung verlassen hatte und Italien folglich eine stabilere und weniger euroskeptische Politik ver­folgte, erhöhte Pacquement ihre Italien- Position wieder auf sieben Prozent – und damit sogar auf ein Übergewicht von rund zwei Prozentpunkten.

In ihrer Sektor-Analyse ist Pacquement aufgrund des sinkenden Wirtschafts­wachstums in Europa zurückhaltend bei Unternehmen aus zyklischen Branchen wie der verarbeitenden Industrie. Statt­dessen sieht sie Fortschritte bei Banken und hält daher die Bewertungen in der Finanzbranche für günstiger. Aus diesem Grund baute sie vergangenes Jahr ein Sektor-Übergewicht von fünf Prozent bei Finanztiteln mit eindeutigem Schwer­punkt auf Nachranganleihen auf.

Draht über den Atlantik

Schnell reagierte Pacquement auch, als die Europäische Zentralbank (EZB) im vergangenen September ihr Programm zum Quantitative Easing wieder auf­nahm. Sie kaufte verstärkt Anleihen mit BBB-Rating, dem niedrigsten Invest­ment-Grade-Rating. „Wir erwarteten nach der quantitativen Lockerung der EZB eine Verengung der Spreads in diesem Bereich, was sich auch bewahrheitete und uns eine gute Performance brachte.“

Meine Kinder lesen eine Kinderzeitung und wir diskutieren die Themen zu Hause.

Bei der Laufzeit der Anleihen ist sie in ihrem Short Duration Fonds auf ein-bis etwa fünfjährige Bonds beschränkt. Dabei hat sie ihr Portfolio zuletzt verstärkt auf länger laufende Bonds von drei bis fünf Jahren ausgerichtet, um von Carry-und Roll-Down-Effekten zu profitieren.

Zuletzt hat sie auch bei den Währungen, in denen die Anleihen ausgegeben wer­den, Anpassungen vorgenommen. Denn im vergangenen Jahr haben US-Unter­nehmen zunehmend sogenannte Reverse Yankee Bonds ausgegeben; also Anleihen von US-Unternehmen, die in Europa auf Euro-Basis ausgegeben werden. Da manche dieser Firmen Anlegern in Europa nicht so bekannt sind, müssen einige für die Aufnahme von Schulden bei euro­päischen Investoren oft einen gewissen Risiko-Aufschlag bezahlen. Doch wird dieser mehr als wettgemacht durch die aktuell günstigeren Zinskonditio­nen in Europa, die durch die lockere Geldpolitik der EZB entstanden sind.

Europäische Investoren, die sich ausreichend Informationen und Analysen über die entsprechenden US-Unter­nehmen beschaffen, können sich damit den gezahlten Risiko-Aufschlag ver­dienen, ohne sich zusätzliches Risiko ins Portfolio zu holen. Genau das gelang Pacquement, da sie auf ihr großes Team an Analysten in den USA zurückgriff und verschiedene dieser Anleihen kaufte. So konnte sie wieder einmal von ihrer Weitsicht profitieren. Die reichte in dem Fall zwar nicht bis zu den Sternen, aber immerhin über den Atlantik.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der 57. Ausgabe des Magazins von Citywire Deutschland.

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